Seelische Gewalt

Die seelische oder psychische Gewalt ist eine sehr subtile Form der Gewalt. Sie hat viele unterschiedliche Erscheinungsformen und ist nicht immer einfach zu erkennen. Für Außenstehende ist sie kaum wahrnehmbar bzw. erkennbar. In einigen Fällen ist seelische Gewalt eine Vorstufe von körperlicher Gewalt.

Welche Tatbestände fallen unter seelische Gewalt?

Gemäß einer Definition sind unter seelischer Misshandlung Äußerungen, Handlungen sowie Haltungen zu verstehen, die einen Mitmenschen beleidigen, herabsetzen, überfordern und ihm das Gefühl von eigener Wertlosigkeit vermitteln.

Eine strafrechtliche Verfolgung von seelischer Gewalt gestaltet sich jedoch schwierig. Eine Körperverletzung ist nach dem Strafgesetzbuch eine Gesundheitsschädigung durch eine andere Person. Obwohl psychische Gewalt ebenfalls eine Gesundheitsschädigung – der psychischen Gesundheit – darstellt, fällt diese nicht hierunter. Allerdings verweist § 225 StGB auf seelische Gewalt im Zusammenhang mit der Misshandlung Schutzbefohlener: Erleiden Schutzbefohlene aufgrund von Misshandlung Folgen, die ihre seelische Entwicklung schädigen, ist dies strafrechtlich verfolgbar. Zudem wurde 2007 der § 238 StGB eingeführt, der Nachstellung unter Strafe stellt. Hierzu zählen mehrfaches Bedrohen, Verfolgen oder ähnliche Handlungen. Hierzu mehr unter Stalking.

Wie kann seelische Gewalt aussehen?

Das Opfer wird herabgesetzt, beleidigt, gedemütigt, terrorisiert und bedroht. In der Regel geht es darum, Kontrolle, Dominanz und Macht zu demonstrieren. Die Folgen für die Betroffenen sind Angst und Einschüchterung. Zudem versucht der Peiniger nicht selten das Opfer von der Außenwelt zu isolieren und in diesem das Gefühl aufkommen zu lassen, verlassen und einsam zu sein. Seelische Gewalt geschieht über Handlungen, Worte und Blicke. Die Täter oder Täterinnen können sehr subtil vorgehen. Daher wird diese Form der Gewalt sowohl von den Betroffenen selbst als auch von ihrem Umfeld zunächst nicht als solche wahrgenommen.

Eine wesentliche Eigenschaft der psychischen Gewalt liegt darin, dass die Verletzungen der Betroffenen nicht sichtbar sind. Dies unterscheidet die seelische Gewalt von der körperlichen Gewalt. Denn als Folge körperlicher Gewalt bleiben sichtbare Spuren. Diese Spuren und Verletzungen – durch Schläge, Tritte oder andere Angriffe – können im Anschluss an die Tat von Ärzten festgestellt und dokumentiert werden und sind so sichtbarer Beweis für die zugefügte Gewalt. Die häufigsten Ausübungsformen seelischer Gewalt sind Beschimpfungen, Beleidigungen, Erpressungen, Bedrohungen oder Anschreien. Genauso zählen Demütigungen, Stalking und Mobbing zu den Formen seelischer Gewalt. Die Folgen hiervon können nicht von außen wahrgenommen und dokumentiert werden, wenn der oder die Betroffene nicht selbst darüber spricht. Neben den aktiven Formen von psychischer Gewalt kann sie auch durch Unterlassen geschehen. So wird das Opfer beispielsweise über einen längeren Zeitraum gemieden, ignoriert und mit andauerndem Schweigen ‚gestraft‘. Auch ständiges und offensichtliches Fremdgehen kann eine Form der psychischen Gewalt darstellen, ebenso das öffentliche Verbreitungen von Lügen und Beleidigungen vor Dritten. Oft äußert sich die seelische Gewalt aber auch in einem Kleinhalten und Unterdrücken durch die Partnerin oder den Partner bis hin zum kompletten Abschotten von der Umwelt.

Wer kann Opfer seelischer Gewalt werden?

Sehr häufig tritt seelische Gewalt in Paarbeziehungen und im familiären Kontext auf. Dies kann sowohl Frauen als auch Männer und Kinder treffen. Gerade für Männer kann es schwer sein, sich einzugestehen, Opfer psychischer Gewalt zu sein, darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen. Dabei ist davon auszugehen, dass Männer nicht wesentlich seltener davon betroffen sind. Es gibt spezielle Beratungsstellen, die mit betroffenen Männern zusammenarbeiten und Opferhilfe anbieten.

Eine besonders folgenschwere Form seelischer Gewalt richtet sich gegen Kinder und Schutzbefohlene. Diese können dadurch in ihrer seelischen Entwicklung stark beeinträchtigt werden. Dabei wird psychische Gewalt an Kindern teilweise auch unbewusst und unbeabsichtigt, ausgeführt. Oft werden die möglichen Folgen nicht erkannt. Zu den Tätern und Täterinnen von seelischer Gewalt an Kindern können andere Kinder bspw. Mitschüler gehören, die das Kind mobben oder stetig ärgern. Aber auch andere Bezugspersonen, wie Lehrerinnen und Lehrer oder Erzieherinnen und Erzieher, die durch Äußerungen und Handlungen dem Kind vermitteln minderwertig zu sein. Genauso können Eltern psychische Gewalt ausüben, bspw. durch Liebesentzug, Drohen und Erpressung.

Beistand und Hilfe für Betroffene

Tatenlos zuzusehen und Erniedrigungen und Bedrohungen über sich ergehen lassen, ist keine Lösung. Über kurz oder lang gehen mit dieser Gegebenheit ernsthafte gesundheitliche Beschwerden einher. Die Situation ist bei entsprechendem Beistand und Hilfe keineswegs aussichtslos. Viele Einrichtungen sind auf die professionelle Unterstützung von Gewaltopfern – auch bei seelischer Gewalt – spezialisiert. Auf odabs.org finden Sie schnell und unkompliziert Beratungsstellen in Ihrer Nähe - ganz anonym. Die Unterstützung in den Beratungsstellen kann Betroffenen von seelischer Gewalt zurück ins Leben verhelfen und Auswege aufzeigen.